oder: Wie rührend und selbstlos sich die Kiesindustrie kümmert… – (K)Ein Märchen.

Es war einmal …

… ein schöner Landstrich an der Grenze zu den Niederlanden im Osten der Ortschaft Suderwick. Dieser Landstrich war geprägt von für das Münsterland typische urige Felder, Wiesen und Baumbestände. Radfahrer und Skater nutzten diesen Landstrich ebenso wie Wanderer, Reiter oder Touristen, die sich dem Zauber unserer Kulturlandschaft gerne hingaben.

Dann – eines Tages – kam die freundliche Kiesindustrie. Sie war der Meinung, dass das Glück der Menschen in diesem Landstrich allein durch einen großen See auf Dauer gewährleistet sei. So beantragte sie – allein zum Wohle der dort lebenden Menschen – den Abbau von Kies, zunächst für 90 Hektar. Diesen Antrag erweiterte sie – natürlich um das Wohl der Anwohner noch zu vergrößern – um weitere 30 Hektar auf dann 120 Hektar (ca. 4x so groß wie der Bocholter Aa-See).

Kiesabbau und seine Folgen … Foto: Rudolf Souilljee

Und das Beste war: Das Kiesabbau-Unternehmen hatte sich dafür entschieden, die Abgrabungsfläche noch näher an die deutsch-niederländische Grenze heranzuführen, damit die Bewohner von Dinxperlo und Suderwick einen noch kürzeren Wege zur tollen Wasserfläche und zum Badestrand hatten! (Zitat aus der Ausgabe des BBV vom 4. Januar 2012). Bei soviel Fürsorge musste dem Mitbürger doch ganz warm ums Herz werden. Die Kies-Glücksbringer hatten auch schon gleich einen Namen für das Vorhaben: Die frohe Botschaft lautete: „Zwei-Länder-See-Suderwick“!

Über soviel Fürsorge konnten die Menschen in Suderwick und im benachbarten Dinxperlo doch nur froh sein, oder? Wer konnte schon von sich behaupten, dass sich ein Industriezweig um die persönlichen Belange und latenten Bedürfnisse nach Badespaß kümmerte, und dies auch noch ohne jeden Hintergedanken?

Na ja, vielleicht hätten die Kiesindustrie sagen sollen, dass der Badespaß wohl erst in ca. 30 Jahren wahr werden würde. Bis dahin dauerte es nämlich, um die jährlich 750.000 Tonnen Kies mit Lastwagen abzutransportieren. Bei einer angenommenen Nutzlast von 26 Tonne je LKW bedeutete dies im Jahr 28.846 LKW-Ladungen, die durch den schönen Landstrich unseres Märchens donnerten. Pro Tag nach dieser Rechnung übrigens 92 LKW und pro Woche 552 (denn es wurde an 6 Tagen Glücks-Kies abgebaut).

30 lange Jahre! Dies bedeutete für viele Menschen rund um die fürsorglich betreuten Orte Suderwick und Dinxperlo, dass sie von der durch die Kiesindustrie geplanten dauerhaften Beglückung leider nicht mehr wirklich viel mitbekommen haben. Vielmehr war das weitere Leben geprägt durch massive und unumkehrbare Eingriffe in die Natur durch Beseitigung der seit Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaft. Kiesabbau bedeutet nämlich – und dies ist kein Märchen – über Jahrzehnte hinweg die Abschottung des Abbaugebietes durch Stacheldraht und Zäune, wobei hinter diesen Zäunen nur noch eine künstlich erstellt Mondlandschaft liegt.


Die Fotos zeigen die Folgen des Kiesabbaus (Quelle: http://www.eden-niederrhein.de).

Das Märchen muss hier leider enden, denn die Geschichte ist glücklicherweise noch nicht zuende. Ob sich in unserem Märchen die von der Kiesindustrie beschriebenen Glücksmomente jemals einstellen werden, darf aber bezweifelt werden. Denn wer von uns kennt nicht auch die Baggerseen, die seit Jahren abgeschottet durch Zäune und für die Natur völlig wertlos die einst schöne Landschaft verschandeln. Übrigens: Auch in diesem Märchen hat der Begriff „Kies“ durchaus eine doppelte Bedeutung.

Zum Glück handelt es sich ja nur um ein Märchen und die Wirklichkeit ist so noch nicht eingetreten. Aber der Antrag mit der „Glücksidee“ (oder vielleicht besser „Schnapsidee“) zum Abbau von 120 Hektar Heimat und Kulturlandschaft liegt auf dem Tisch – und wird alsbald entschieden.

Ist es nicht langsam an der Zeit, das Märchenerzählen zu beenden? Wenn wir nicht sofort aufhören, unsere Umwelt und Heimat aus finanziellen Erwägungen heraus in jeder erdenklichen Weise unumkehrbar auszubeuten, gehören wir zu der Generation, der man noch in Jahrhunderten ein völliges Versagen vorwerfen wird.

Es ist an uns, das Erbe der Natur für die nachfolgenden Generationen zu bewahren. Denn sonst gilt: „… und wenn sie nicht gestorben sind, so klagen sie noch heute über die eigenen Fehler … “

Michael Jansen
Mitglied im NABU Kreis Borken

Der NABU Kreis Borken wird an dieser Stelle laufend über das Kiesabbau- bzw. Landschaftsausbeutungsprojekt berichten.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auch unter http://www.eden-niederrhein.de. Dort ist z.B. ein sehr interessanter Film zu dieser Thematik hinterlegt.

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