Das Westmünsterland (Kreis Borken) einst eine der landschaftlichen Wohlfühloasen der Region, wie lange noch? Die Natur im Kreis Borken mußte noch niemals zuvor durch eine derart aggresive und intensive Agrarbewirtschaftungsform um ihr Überleben kämpfen!

Wer im Kreis Borken im Bereich Naturschutz tätig ist, bekommt es ständig und unmittelbar mit der intensiven Agrarwirtschaft zu tun. Sei es ob der Gülleüberschüsse (Ein Gemisch aus Harn und Kot), die ständig unsere Gewässerqualität gefährden, hoher Nitratwerte im Grundwasser oder mit einer regelmäßig in den Sommermonaten zu beobachtenden Eutrophierung der Oberflächengewässer. Wasser ist eine der wertvollsten Ressourcen dieser Erde, daher müssen alle Gewässer geschützt werden.

Das beschloss die EU in der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL 2000/60/EG), die im Jahr 2000 in Kraft trat. Nach ihr sollen in der EU alle Oberflächengewässer, also auch Flüsse, Seen, Kanäle, Küstengewässer und das Grundwasser bis 2015 in gutem Zustand sein. Deutschland scheint die Umsetzung der Richlinien für nicht erstrebenswert zu halten und bummelt herum.

Zum Problem mit den Gülleüberschüssen addieren sich dann noch die riesigen Energiepflanzen-Monokulturen für die 90 Agrargasanlagen hinzu. In der Zeit von 2008 bis 2011 hat der Kreis allein 2338 ha Fläche durch Ausweisung immer neuer Industriegebiete, Baugebiete sowie Straßen verloren. Im gleichen Zeitraum verschwanden ca. 4045 ha landwirtschaftlicher Dauergrünlandflächen unter den Pflügen großer Ackerschlepper und wurden zu Äckern umgebrochen. Fast parallel dazu stieg die Anzahl der Agrargasanlagen kontinuierlich auf mittlerweile 90 Anlagen an, mit mehr oder weniger hohem Wirkungsgrad. (Stand Oktober 2012)

Würden unsere privaten Heizungsanlagen einen Wirkungsgrad haben, wie viele dieser Agrargasanlagen, die ihre Abwärme nicht voll nutzen können, weil sie z.B. zu sehr im Außenbereich liegen, dann würden sie vermutlich sofort wegen Energieverschwendung stillgelegt werden.

Hier sind aber mal wieder nicht die Betreiber dieser Anlagen alleine Schuld für all das negative Image, was diesen Anlagen mittlerweile anhaftet, sondern eine verfehlte Politik, die völlig unkontrolliert eine zu hohe Anzahl in einer Region davon genehmigt hat.

Nach meiner Auswertung der Jahresstreckenmeldungen der Kreisjägerschaft Borken kann man parallel dazu den Absturz sämtlicher Niederwildbestände um weit über 50 Prozent als Beleg für den Niedergang unserer heimischen Natur und ihrer Wildtiere erahnen. Der ständig gestiegene Maisanteil in unserer Kulturlandschaft verschärft die Schwarzwild Problematik zusätzlich, sowie das Wildschadenpotential und dem erhöhtem Seuchenrisiko.

Rebhuhn 2008-2011 = 354-95 Stück Wild -73 Prozent,
Feldhase 2008-2011 = 17945-8028 Stück Wild -56 Prozent,
Fasan 2008-2011 = 20596-11543 Stück Wild -44 Prozent.

Auch auf unsere Hobbyjäger kommen andere Zeiten zu. Die intensivsten landwirtschaftlichen Anbaubedingungen die wir je im Kreis hatten, vernichten nicht nur ihr so geliebtes Niederwild, gleichfalls bekommen sie schwer zu bejagenden Neuzugang dazu. Große Schwärme Rabenvögel die keine natürlichen Feinde mehr hier haben, als auch das Schwarzwild, das mittlerweile sich ob der großen Maisbestände wie im Schlaraffenland fühlen dürfte. Beides Wildarten die nicht so einfach zu bejagen sind.

Für die Lobbyistenverbände der Landwirtschaft ist nur ein totes Wildschwein ein gutes Tier, weil sie fürchten die Schweinepest die diese Tiere einschleppen und übertragen könnten. Die Schweinepest, und die Maisschädlinge wie, Maiswurzelbohrer und Maiszünzler sind für unsere hohen Tierbestände und Monokulturen eine ständige Bedrohung.

Nach Gesprächen, die ich mit dem Kreisimkerverein geführt habe, können sie diesen ökologischen Kahlschlag in unserer heimischen Natur in Bezug auf Insekten und Wildpflanzen voll bestätigen. Die Imker finden nur noch am Rande der Städte, Dörfer und Siedlungen genügend Nahrung für ihre Bienenvölker. Das bestätigt welch negativem ökologischen Trend der Kreis Borken folgt.

Bienenvölker in Westfalen-Lippe
Jahr 2000 = 41.946 Völker
Jahr 2010 = 37.908 Völker (ein Minus von fast 10 Prozent)

Kreis Borken
Jahr 2000 = 3.826 Völker
Jahr 2012 = 2.047 Völker  (ein Minus von fast 47 Prozent)

(Quelle Angaben Kreis Imkerverein 10/2012)

Nur noch ein Anteil von 1.2 Prozent aller Sozialversicherung Beschäftigten (118.252)im Kreis arbeitet übrigens in der Land- und Fortswirtschaft. Der besonders agressiv auftrettende WLV (Westfälisch Lippischer Landwirtschaftsverband) und seine obersten Lobbyisten fordern in ihrem Größenwahn, ein weiteres Aufstocken der Tierbestände. Und dieses, obwohl die Flächen zum Anbau der Futtermittel, als auch derer zum betriebsnahen Ausbringen ihrer Gülle fehlen. Nach einer völligen Überversorgung Deutschlands mit subventioniertem Billigfleisch aus der Massennutztierhaltung, haben sie jetzt den Weltmarkt ins Auge genommen.

Da stellt sich doch die Frage, wie weit darf eine staatlich legalisierte und subventionierte Naturzerstörung und Gewässerverunreinigung eigentlich gehen?

Wer zu dieser Problematik detaillierten Sachverstand benötigt, der kann bei einer der Landwirftschaftskammern ein Seminar zum Thema Gülleüberschuss besuchen, so wie ich es im September 2012 tat. (Das Ende der Flut, wie wir künftig mit der Gülle umgehen!)

Konsens dieser Veranstaltung hätte auch sein können: Und läuft ihnen die Gülle auch schon bald aus dem Ohr, so machen sie dennoch weiter wie bisher nach dem Motto „Give me more“.

Ob in diesem Zusammenhang Deutschlands größte geplante Agrargasanlage (Fäkalienschleuder mit Zentrifugalkraftsystem) in Velen, jemals funktionstüchtig an den Start gehen wird und wirklich funktioniert, bleibt abzuwarten. Der auch besondesr im Kreis Borken mit dem  Erneuerbare-Energien-Gesetz forcierte Anbau von Energiemais für Agrargasanlagen gefährdet die Biodiversität in unserer heimischen Agrarlandschaft.Er bedeutet eine Entwertung unserer Kulturlandschaft und verschärft die Nutzzungskonkurenz zwischen Nahrungsmitteln,Futtermitteln und Energiepflanzenproduktion.

Der ganze Agrarsektor wird derzeit von seinen eigenen nicht gelösten Problemen aus der Vergangenheit eingeholt.

Dunkle feuchte Ställe und Tiere, die beim Kastrieren ohne Betäubung schreien und Schmerz empfinden und viele andere merkwürdige Praktiken in diesem Zusammenhang gab es auch schon vor 20 Jahren. Hierzu empfehle ich ebenfalls ein Seminar, zum Beispiel am Institut für Thelogische Zoologie in Münster; am besten bei ihrem Gründer Herrn Dr.Rainer Hagencord. (Verhaltensbiologische und theologische Argumente für eine neue Sicht der Tiere)

Erst wenn die Öffentlichkeit Druck macht, werden die Lobbyisten aktiv, zuvor werfen sie aber erst noch Nebelbomben ab, um von den Fehlern der eigentlichen Verursachern und Hauptverantwortlichen abzulenken.

Produktionsintegrierte Naturschutzmaßnahmen sollten als Gegenleistung für die herumsuventioniererei aus Steuergeldern zur Vorrausetzzung gehören und nicht die Ausnahme bleiben. Erst vor kurzem sagte mir ein älterer Landwirt, dass er die CDU nicht mehr wählen würde und viele seiner Kollegen auch nicht. Also stimmt der Spruch nicht mehr: „Der Bauer und seine Kuh wählen immer CDU“.

Diesen Trend haben im übrigen die Stimmverluste dieser Partei bei der letzten Landtagswahl kreisweit bestätigt. Eine Partei, die in ihrer Arroganz das Ohr nicht mehr am Bürger und am „kleinen Bauern“ hat, wird auch in Zukunft an Glaubwürdigkeit verlieren. Unsere junge Generation braucht Lösungen und kein „Augen zu, und weiter so“ wie bisher.

Naturzerstörung auf Kosten des Steuerzahlers, alles völlig legal und kein Ende in Sicht, da ist es schon sehr deprimierend, „Das Leben in der Natur sterben zu sehen“. Nun, was kann der ehrenamtliche Naturschutz, der einer Realität von Ereignissen fast immer hinterherhinkt, in dieser Situation noch retten?

Ständig wird er als Verzögerer, Blockierer und selbst als Flächenfresser oder als ewig Gestriger beschimpft. Zur Zeit halten sich boshafte Beschimpfungen und Lob, „Bitte weiter so“, die Waage. Hier gilt es weiterhin Kante zu zeigen und die Öffentlichkeit zu informieren. Wir haben den Vorteil, dass wir nicht lügen und beschönigen müssen, sondern nur zeigen müssen, wo die Natur ganz langsam stirbt. Manchmal weint sie auch feste, um die Menschen auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, so wie im Nordkreis im August 2010, als viele Dörfer überschwemmt wurden.

Es gibt ein starkes Argument für alle, die in diesem Bereich tätig sind: Die Natur hat keinen Anwalt der sie vertritt außer uns, jeder auf seine Weise so wie er kann, bleibt bitte dran!!!

Ein Vorschlag meinerseits wäre zum Beispiel, in jeder Kommune einen Stammtisch zu bilden mit folgenden Teilnehmern:

Ein Jäger, der kein Landwirt sein darf, ein aktiver Landwirt, ein Imker, ein Landschaftswächter, ein Kommunalpolitiker, ein Mitglied des örtlichen Heimatvereins und letztendlich ein Naturschützer.

Diese könnten dann ersteinmal feststellen, was an Flächenbestand in der Kommune noch vorhanden ist, ohne gleich jemandem wieder Flächen streitig machen zu müssen.

Dies könnten zum Beispiel sein:
Brachliegende Industriegrundstücke, Ackerrand- und Gewässerschutzstreifen, Heckensäume, Böschungen, Ackerbrachen, Altgrasstreifen, Lerchenfenster, Lichtstreifen, Naturverträgliche Mahd, brachliegende Baugrundstücke.

Diese Flächen könnte man dann nach Absprache oder einer Förderung ökologisch aufwerten, um noch zu retten was noch zu retten ist.

Stillstand ist Rückschritt, auch im Naturschutz!

 

 

 

Herbert Moritz
Für den NABU im Kreis Borken

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