Vortrag von Herbert Moritz anlässlich der Artenschutzkonferenz in Münster am 20. April 2013.

Unsere Heimat das Westmünsterland, jeder Mensch der hier lebt sollte seinen Teil dazu leisten, die Region für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Wir Naturschützer möchten die Landwirte, Jäger, Bürger oder Kommunal-Politiker einmal dazu anhalten darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam der bedrohten Natur wieder auf die Sprünge helfen könnten.

Als Naturschützer erleben wir unsere Region, wie sie sich stetig verändert und vielfältiger nicht sein könnte. Zu dieser Region gehört die Vielseitigkeit der Gewässer, Böden, Luft, Menschen, Tiere, Pflanzen und auch ihrer Wirtschaftzweige.

In den flachen Ebenen der einzelnen Münsterlandkreise und ganz besonders in unserem Kreis Borken, der mittlerweile die Bezeichnung „West-Mais-Kreis“ tragen müsste, sieht man zwischen Juni bis Oktober wegen der riesigen Energiepflanzenmonokulturen nur noch sehr wenig von der Landschaft.

Ursächlich für das großes Artensterben in der landesweit größten Tierveredelungsregion ist unter anderem die moderne Massentierhaltung, die landesweite Angleichung der Feldbewirtschaftung, einschließlich einer systematischen Überdüngung der Ackerflächen.

Den landesweiten Spitzenwert von 90 Biogasanlagen im Kreis Borken, trägt ebenso zu diesem Negativtrend bei.

Seit 2012 ist Deutschland zum ersten Mal seit 25 Jahren zum Nettoimporteur für Getreide geworden.

Grund: Die wachsenden Maisanbauflächen haben nicht nur zu massiven Grünlandumbruch geführt, sondern auch den Getreideanbau verdrängt.

Die größte dieser Agrargasanlagen Deutschlandweit, soll im Übrigen auch im Kreis Borken bei Velen durch den Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband und RWE Innogy errichtet werden.

Hier sollen sich 450-600 Landwirte als Zulieferer von Gülle und Zwischenfrüchten in langjährigen Lieferverträgen an diese Anlage binden. Von Ende Oktober bis Mitte Mai, also nach und vor der Maisernte können wir dann sehen was von unserer Kulturlandschaft übrig geblieben ist. Allzu oft Dinge, die der Verbraucher, Bürger, oder Tourist vielleicht lieber nicht sehen sollte wenn es nach dem Willen der Landwirte ginge!

Und das wären:

In der Sommerzeit ist es die nicht zu erkennende Landschaft die sich hinter den pflanzlichen Monokulturen versteckt, vermittelt sie doch gerade bei den Frauen, Kindern und älteren Menschen, beim Joggen, Wandern, Nordic-Walking und Radfahren ein beklemmendes Gefühl und Unbehagen. Doch in den Wintermonaten bis ins zeitige Frühjahr fallen besonders die stetig zuwachsenden haushohen Edelstahl oder Beton-Gülle-Behälter auf, die mittlerweile überall auch abseits der Höfe stehen und unsere Kulturlandschaft weithin sichtbar verschandeln.

Riesige kahl und steril abgeerntete Feldschläge liegen monatelang bis zur nächsten Maiseinsaat brach. Die Frühjahreswinde haben jetzt leichtes Spiel die Bodenerosion zu fördern. Riesige Sandwolken wehen jetzt über die Landschaft und in die Augen der Erholung suchenden Menschen. In dieser Zeit besonders gut sichtbar, der große Schrumpfungs-Prozess der Hecken/Wallhecken und anderen Feldgehölzen, wenn noch vorhanden, dann mitten in der Fläche beginnend oder abrupt endend.

Die Hecken schwinden vor allen Dingen deshalb, weil sie die Landwirte beim Befahren mit ihren großen Bearbeitungsmaschinen beim Bewirtschaften kleinerer Feldschläge stören. Feldgehölze wie Hecken die das Kettensägen-Massaker überlebt haben, werden oft bis auf 7 m Höhe entastet, oder in ihrer Breite oder Länge stark ein gekürzt. Ganze Biotop Strukturen werden so vernichtet. Diese Flurhecken und anderen Feldgehölze prägten seit über Hunderten von Jahren das Landschaftsbild in unserer Region- (Parklandschaft), dienten sie doch zur Abgrenzung der Parzellen, dem Windschutz, zur Deckung für Mensch und Tier, als Brennholz und vielem anderem mehr.

Ganz besonders fallen die Rehe auf, weil sie wegen ihrer Größe schon von Weitem hin in der gesichtslosen Landschaft sichtbar sind, und kaum noch Deckung finden. Sind ein Teil der Wildunfälle mittlerweile nicht auch deshalb erklärbar, weil diese Tiere keine Deckung mehr finden wenn sie in dieser leergeräumten Landschaft aufgeschreckt werden ?

Ab Februar ist Gülle-Ausbringe-Zeit, plötzlich öffnen sich die Schleusen der Gülle Behälter,- Wie Monsunregen am Indischen Ozean prasselt nun täglich die braune Brühe in Form einer Dauerberieselung wochenlang über die Äcker und flutet sie.

Hierbei handelt es sich um die Fäkalien unserer Nutztiere aus den Wohlfühloasen der Intensivtierhaltung. Persönlich sehe ich diesen Geruch aber nicht mehr als Gestank an,- sondern als einen letzten Gruß der Tiere an uns Natur- und Tierschützer, endlich etwas für das Tierwohl zu unternehmen.

Ist doch eines unserer wichtigsten Nutztiere „die Kuh“ bei den Landwirten zu einem reinen Kürzel wie „R V G“ abgewertet worden. Also zu einer Raufutter verzehrenden Großvieheinheit. Sollte man Tiere nicht als Mitgeschöpfe wahrnehmen, und daran die Maßstäbe für Ernährung und Tierhaltung ausrichten? Was jetzt in kurzer Zeit nach dem Versickern in den Böden verschwinden mag, also die riesige Nährstofffracht aus der Überdüngung landwirtschaftlicher Flächen (Phosphor u. Stickstoffverbindungen) erbricht sich jetzt über die Bodendrainage in die Vorfluter, Bäche und Flüsse. Der andere Teil sickert dem Grundwasser entgegen. Kilometer lange mit Grünalgen zugeschleimte VorfluterEntwässerungsgräben zeigen jetzt ihren bedauernswerten Zustand.

Die im Jahr 2000 verabschiedete Europäische Wasserrahmenrichtlinie (EG-WRRL) die erreichen sollte das bis zum Jahr 2015 die Gewässer in einem guten ökologischen und chemischen Zustand sein sollten, um diesen auch dauerhaft zu gewährleisten, kann Deutschland bereits heute nicht mehr einhalten. Nächste Zielsetzung hierfür ist das Jahr 2027.

Dieses sind nur einige Aufzählungen über die negativen Begleiterscheinungen der Intensivtierhaltung und aktuellen Geschehnisse, mit denen uns die industrialisierte Agrarwirtschaft besonders im Kreis Borken begegnet.

Natur kann nur schützen, wer die Natur kennt“

Wer etwa heimische Vogelarten nicht, oder nicht mehr kennt, nimmt diese nicht bewusst wahr und bemerkt auch nicht, wenn sie durch veränderte Umweltbedingungen aus der eigenen Umgebung verschwinden.

Es darf nicht allein beim Einfordern von Maßnahmen bleiben.

Eine aktive Bürgergesellschaft bedarf auch einer über Diskussionen und Forderungen hinausgehenden aktiven Teilnahme bei der Gestaltung der eigenen Lebensgrundlagen – ob im ökologischen wie im ökonomischen, sozialen, und auch kulturellen Bereich.

Für alle Bereiche spielt Wissen über Natur, Umwelt und Kultur eine zentrale Rolle. Das traditionelle Wissen über Natur, Landnutzung, Ernährung und Gesundheit, genauso wie das Wissen über Wildtiere und Wildpflanzen, Nutztiere und Nutzpflanzen geht verloren.

Der Artenschutz ist ein Teil des Naturschutzes und beinhaltet damit den Lebensraumschutz. Biotopschutz soll Artensterben verhindern und bezieht sich vor allem auf unsere wild lebenden Tier- und Pflanzenarten. Alle Freiflächen die nicht Wohn- oder Industriegebiete, Straßen oder andere Verkehrswege sind, sind entweder Wald, Gewässer, Acker oder Wiesenflächen.

Für den Kreis Borken ergibt sich damit Stand Jan. 2012 folgendes Bild:

Quelle: Broschüre Zahlen und Fakten des Kreises Borken 2012/2013

94.228 ha = 66,4 % Landwirtschaftsfläche

21.018 ha = 14,8 % Waldfläche

2.345 ha = 1.7 % Wasserflächen

(Gesamtfläche Kreis B. 141.966 ha = 1.419,km2)

 

4% der Gesamtfläche des Kreises Borken sind Naturschutzgebiete

44,8% der Fläche haben den Status Landschaftsschutzgebiet

(Im Kreis Borken wurde ein 160.000 Hähnchen-Maststall auf dem Schöppinger Gemeindegbiet in einem Landschaftsschutzgebiet (bewaldeter Bereich) errichtet.

 

Zusammengenommen stehen damit 82,9% = 117.591 ha als Flächenpotential für den Artenschutz im Kreis Borken zur Verfügung.

Als kleinen Bioindikator führe ich hier die Streckenmitteilungen bezüglich des Niederwildes der Kreisjägerschaft Borken aufgeführt. Quelle: Angaben auf der Hompage der Kreisjägerschaft Borken 2012/2013

Rebhuhn

2008 – 2011 /354 -95 Stück / = minus 73%

Feldhase

2008 – 2011 /17.945 – 8028 / = minus 56%

Fasan

2008 – 2011 / 20.596 – 11.543 / = minus 44%

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Bienenvölker

1990 – 2012 / 3.036 – 2.202 / = minus 27%

Quelle: Angaben 2013 Kreis Imkerverein Borken!

Die Jagdsaison 2012/2013 muss katastrophal ausgefallen sein, Totaleinbruch bei den Fasanen, ein Großteil der Niederwildjagden wurde abgesagt. Dieses betraf den Kreis Borken, Teile des Kreises Coesfeld und die Grafschaft Bad-Bentheim.

Der Kreis Borken hat zurzeit nur noch 120 Projekte im Vertragsnaturschutz, von der kleinen Obstbaumwiese bis zu mehreren Hektar großen Flächen für extensiv genutzte Landwirtschaft.

Was können wir alle tun, um diese fortschreitende Zerstörung unserer heimischen Kulturlandschaft und dem rapiden Artenschwund von Wildpflanzen und Wildtieren auf zu halten?

 

Lösungsvorschläge: ULB / Biologische Station / NABU

1. Dringende Aktualisierung der sogenannten Karte der Flächen mit Waldeigenschaften und sonstiger Landschaftselemente erwirken, weil nur anhand dieser Karten eine Kontrolle für uns möglich ist, um festzustellen, wo etwas ist, war, oder plötzlich fehlt! Mit Angaben über Länge, Breite dieser Strukturen.

2. Eine Anhebung der Förderbeiträge/ha im Vertragsnaturschutz insbesondere bei den Feuchtwiesengebieten erwirken, der aktuelle Satz ist derart gering, dass eine intensive Bewirtschaftung der Flächen in jedem Fall lohnender ist für die Landwirte!

3. Für die vorgeschriebenen Kontrollen von Ausgleichspflanzungen ab einer bestimmten Größe (z.B. 1000 m2) ist entsprechend vorgehaltenes Personal erforderlich. Das kann so wie bisher von keiner Unteren Landschaftsbehörde geleistet werden!

4. Es muss mehr Geld für den Ankauf von Flächen bereitgestellt werden. Nur auf eigenen Flächen kann vernünftiger und nachhaltiger Naturschutz, dann auch mit den Landwirten betrieben werden!

5. Durch gute Öffentlichkeitsarbeit im TV, Rundfunk, Podiumsdiskussionen, Flyer, Presseveröffentlichungen ect. Die Bürger über den Absturz unseres heimischen Ökosystems informieren, gerade jetzt, wo sich im Agrarbereich ein Skandal an den nächsten zu reihen scheint.

6. Ackerrand- und Gewässerblühstreifen nach NABU/Naturschutzart anlegen? Hier im Gegensatz zu den Aktionen der Jäger und Landwirte nur mit Mehrjährigen mindesten 6m breiten Streifen und ursprünglichen Samenmischungen die zur Landschaft passen!

7. Flächen deckendes Biotopverbundsystem einführen, mit Korridoren in der Agrarlandschaft, mit Hecken, Wald und im Verbund mit unseren Fließgewässern.

8. Für unsere Fließgewässer eine Umstellung von Grabenfräsen auf Balkenmäher sowie eine Verlängerung der Unterhaltungsintervalle erwirken. Hier fallen für den Kreis Borken alljährlich ca. 2,2 Millionen Euro an Kosten für die Wasser und Bodenverbände an.

9. Eine Artenschutzkonferenz jährlich durchführen, mit Qualitätskontrolle“ Soll- Ist Zustand / Was konnte erreicht werden?

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Für den Erhalt der Biologischen Vielfalt hat die Uhr schon längst angefangen zu ticken. Noch finden sich von vielen in unserer Kulturlandschaft heimischer Tier- und Pflanzenarten Restvorkommen, von denen neu eingerichtete Lebensräume neu besiedelt werden könnten. Diese Voraussetzungen werden jedoch jedes Jahr weniger gegeben sein wenn nicht sofort gehandelt wird. Es ist daher höchste Zeit, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, den Lebensraum für Biologische Vielfalt in unserer Kulturlandschaft zu sichern und langfristig zu vermehren!!

Das Menschen gut leben können, kann in einer Gesellschaft nur Wirklichkeit werden, wenn Wohlstand als ein Zustand gedacht wird, der die Verpflichtung und Verantwortung gegenüber anderen einschließt. Und dieses beinhaltet für mich nicht nur den Schutz und Erhalt der menschlichen Art, sondern auch der Pflanzen und Tiere! Eine einseitig auf Export orientierte Landwirtschaft, die jegliche ökologischen, ethischen und sozialen Standdarts als Belastung begreift, kann und darf nicht länger mit Steuermitteln subventioniert werden! Die heutige moderne Landwirtschaft ist allein Markt orientiert und nicht mehr auf Versorgung der Menschen ausgerichtet.

Es geht um Profit und nicht um nutzen – Nachfrage statt Bedarfs Deckung. Ziel von industrieller Landwirtschaft ist es nicht mehr, den Hunger zu stillen, sondern möglichst viel Geld zu verdienen. Das Argument der Hungerbekämpfung ist nur Marketing und Propagandagetöse der Agrarlobby.

Manchmal kann auch ein Schritt zurück ein Fortschritt sein, besonders in der für mich völlig überdrehten Agrarwirtschaft!

Persönlich ist es für mich kaum fassbar, wie eine der letzten Volksparteien dieses gemeinwohlschädigende Verhalten eines ganzen Industriezweiges (Kleinbäuerliche Landwirtschaft stirbt aus) ohne Widerspruch hinnehmen kann!

Herbert Moritz
für den NABU im Nordkreis Borken

 

 

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