Die globale Fleischproduktion mit der Erzeugung von weltweit 65 Milliarden Nutztieren ist der wohl umfassendste Problembereich unserer Zivilisation: Sie ist der größte Flächenverbraucher, Wasserverbraucher, und Regenwaldzerstörer der Menschheit und zudem eine der wichtigsten Ursachen für Klimawandel, Bodenerosion, Verlust von Artenvielfalt und vieles mehr. Hier bei uns im Kreis Borken sind diese Auswüchse übrigens schon lange in der ganzen Kulturlandschaft sichtbar für den, der es erkennen will und nicht unter Wahrnehmungsverzerrung leidet. Immer mehr Menschen beschaffen sich ein umfassendes Wissen über das was sie essen und wie es hergestellt wird. So sollte es sein, egal was man verzehrt, ob Fleisch, Milch, Eier oder Gemüse und Obst. Auch Letzteres sind oft unter Leid entstanden, nämlich Leid von Geringverdienern in anderen Ländern und Leid der Natur.

ADFC-Pressefotos Fahrrad-Großschlepper der Agrarwirtsch. 20.09.2 004 Sonnenblumen August 2014 041 Naturraum Heek Juli 2014 048 Maismonokultur Im Bereich Heek-Averbeck  23.08.2011 002 Grün und Natur Mai 2014 006 Biogasanlage Nov. 19-2013 001

Viele unserer Konsumartikel werden auf Kosten anderer hergestellt, und das betrifft nicht nur das Essen. Etwas entlasten könnte das Tier-Dilemma der konsequente Umgang mit der Frage, wie viel an Fleisch unserem Stoffwechsel in Zeiten des Bewegungsmangels zuträglich ist und wie viel Nutztiere der Planet verträgt. Auch die Verbreitung der Tatsache, dass die von Menschen in immensen Mengen verzehrte Milch für das neunmal schneller wachsende Kalb gedacht ist und im Verdacht steht, eine nicht geringe Mitschuld an unseren Zivilisationserkrankungen zu haben.

Meiner Meinung nach darf man Tiere essen, sofern sie getötet wurden ohne gelitten zu haben. Sie leiden aber, sehr sogar. Im Leben, beim Transport und im Schlachthof.

Diese Tatsache ist systemimmanent, solange Profit mehr zählt als das Tierwohl. Man hat den Eindruck, Mastanlagen und Schlachthöfe sind abgeriegelt wie Kraftwerke, und dieses nicht nur aus hygienischen und veterinärmedizinischen Gründen sondern um zu verhindern, dass die Verbraucher erfahren, was da abläuft.

Jochen Martin Gutsch schrieb in einem Artikel in der Spiegelausgabe 04/2014 anlässlich der alljährlich in Berlin stattfindenden Grünen Woche folgendes:
Ein besonderes Highlight zum Thema „Agrarwirtschaft“ ist wie in jedem Jahr die grüne Woche in Berlin, sie gibt es seit 88 Jahren. Sie ist die „weltgrößte Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau“. Sie galt immer als große, exotische Fressmesse, weil man hier auch Stutenmilch-Likör bekommt oder Erdbeer-Grouper. Heute, in Zeiten der Lebensmittelskandale und der Massentierhaltung, ist die Grüne Woche aber noch mehr: eine niedliche Bauernwelt, die beruhigen soll. Eine Show, die dem Menschen den Glauben an die Landwirtschaft zurückgeben soll, mit Bauernmarkt, Streuobstwiese, Volkstanz und Ponyfarm. In einer der großen Hallen sitzt der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Hubert Weiger auf einem Podium und spricht über die landwirtschaftliche Realität. So wie jedes Jahr stellt er den „Kritischen Agrarbericht“ vor. Der Bericht ist ca. 300 Seiten dick, und nur wenige Messebesucher werden ihn lesen. Weiger und vier Kollegen sprechen von „Qualzucht“ in der Massentierhaltung, von Überdüngung der Böden, Dumpinglöhnen in der Agrarindustrie und davon, dass Fleisch teurer werden muss, wenn es besser werden soll. Hubert Weiger hofft auf eine deutsche Agrarwende. Er setzt dabei auf die Vernunft und die Moral der deutschen Verbraucher. Die Frage ist, ob es jemals zu einer Agrarwende kommt. Bei aller Sorge liebt der Verbraucher auch das Fleisch. 85 Prozent der Deutschen essen es fast täglich. Ohne Bewusstsein keine Agrarwende. Aber wie schafft man Bewusstsein?

Hilfreich wäre sicherlich, wenn es den „Agrarbericht“ auf der Grünen Woche als Live-Version gäbe, quasi als Nachbildung der modernen Landwirtschaft.

Was würde man sehen? Gleich am Eingang vielleicht Küken in Behandlung. 40 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland vergast oder geschreddert. Man könnte die Besucher in die Ställe von Mastkälbern führen, enge Gruppenbuchten mit Spaltböden, ohne Stroh. Man könnte die üblichen Krankheitsfolgen der Tierhaltung zeigen, zum Beispiel Euterentzündung oder Lahmheit. Man könnte, als Highlight, Live-Schlachtungen durchführen, im realistischen Sekundentakt wie im niedersächsischen Wietze, dem größten Geflügelschlachthof Europas. Dort werden bis zu 27.000 Tiere pro Stunde getötet. Wer möchte, könnte es auch mal selbst probieren und ein Bolzenschussgerät für Rinder bedienen. Das hätte dann auch gut zum diesjährigen Motto der Grünen Woche gepasst: „Festival der Sinne“.

„Deutsche plündern natürliche Ressourcen“ schreibt der WWF in einem in der MLZ veröffentlichten Artikel vom 01. Oktober 2014, Ausgabe Nr.228. Die Deutschen verbrauchen für ihren Lebensstil weit mehr als doppelt so viele natürliche Ressourcen wie ihr eigenes Land dauerhaft zur Verfügung stellen kann. Eine Folge davon sei, dass Deutschland große Teile seines sogenannten ökologischen Fußabdrucks auf andere Länder ausgelagert habe und deren Ressourcen für eigene Zwecke massiv in Anspruch nehme. Ein Beispiel hierfür ist der Import großer Mengen von Soja als Futtermittel für die deutsche Landwirtschaft, erklärte der WWF in der neuen Ausgabe des jährlich erscheinenden Berichts „Living Planet Report“, der auf das Problem der massiven Übernutzung der Lebensgrundlagen der Erde aufmerksam machen will.

Allein in Südamerika werde dafür eine Fläche von 2,2 Millionen Hektar benötigt. Das entspricht 25 Mal der Fläche, die im Kreis Borken von der Landwirtschaft genutzt werden kann, nämlich 87.818 Hektar, Stand 2010. Wir sind weit davon entfernt, Vorbild zu sein. Der WWF wies darauf hin, dass bei einer Hochrechnung der deutschen Konsumverhältnisse auf den gesamten Planeten 2,6 Erden nötig wären, um den aktuellen Ressourcenbedarf so zu decken, dass die natürliche Regenerationsfähigkeit nicht überlastet werde. „Wir entziehen uns und unseren Kindern die Lebensgrundlage in atemberaubender Geschwindigkeit“. warnte Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland.

Herbert Moritz
für den NABU im Kreis Borken
03.10.2014

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