Landwirtschaft — 17 August 2015

Der Verein PROVIEH, Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V., hat ab 2010 mit einem kleinen Initiativkreis ein Tierwohl-Bonitierungssystem konzipiert, das als Instrument für eine schrittweise Verbesserung des Tierwohls in der breiten Masse der konventionellen Betriebe dienen soll. Schweinehalter sollen dadurch für freiwillige Tierwohlmaßnahmen wie mehr natürliches Licht, offene Tränken, Einstreu und Auslauf einen fairen finanziellen Ausgleich über einen vom Lebensmitteleinzelhandel (LEH) finanzierten Tierwohl-Fonds bekommen.

Das Bonitierungssystem wurde unter der Ägide der Branchenorganisation QS (Qualität u. Sicherheit) unter Mitwirkung von PROVIEH ab 2012 weiter ausgearbeitet und läuft seit Anfang des Jahres als „Initiative Tierwohl“ (ITW): Seit Januar 2015 zahlen die meisten der TOP 10 des deutschen Lebensmitteleinzelhandels je vier Cent pro verkauftem Kilogramm Schweinefleisch in den Fonds der ITW ein.

Auch wenn PROVIEH inhaltlich viel Nachbesserungsbedarf sieht und an einer zügigen Weiterentwicklung mitarbeitet, ist man stolz auf diese weltweit einzigartige Brancheninitiative, die ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Tierwohl in den Ställen werden könnte. Doch nun hat man wieder neue Sorgen.

 

ITW Opfer ihres Erfolges?

ITW Opfer ihres Erfolges?

 

Bis zum Meldeschluss am 28. April 2015 hatten sich über 4.650 Betriebe mit mehr als 25 Millionen Schweinen angemeldet (wie viele Betriebe aus dem Kreis Borken an der ITW teilgenommen haben ist bisher nicht bekannt, die Anzahl der aufgestallten Tiere – Ferkel, Sauen und Mastschweine – betrug bis zum Stichtag Ende Februar 2015 ca. 1,2 Millionen Tiere im Kreis Borken).

Diese Betriebe erzeugen also fast die Hälfte der deutschen Schweine. 83 Prozent von ihnen hatten schon Zehntausende Euro in Verbesserungen des Tierwohls investiert, um sich auf den Start der Betriebskontrollen ab Mai 2015 vorzubereiten. Aber nur weniger als die Hälfte der Betriebe – 2.142 Betriebe mit insgesamt etwas über 12 Millionen Sauen, Ferkeln und Mastschweinen – zogen ein „Glückslos“ und wurden in die ITW aufgenommen. Die übrigen Betriebe mit über 13 Millionen Schweinen stehen für unbestimmte Zeit auf einer Warteliste. Das ist aus Sicht von PROVIEH völlig inakzeptabel. Man kann diese Tierhalter nicht einfach auf ihren Kosten sitzen lassen. Bisher weigert sich aber die Branche, mehr Geld in den Tierwohl-Fonds einzuzahlen. Dagegen läuft PROVIEH Sturm.

Frage der Glaubwürdigkeit

Sollten nicht alle angemeldeten Tierhalter einen fairen Ausgleich für ihren höheren Aufwand bekommen, würden der Handel und die gesamte Lebensmittelwirtschaft den Rest an Vertrauen verspielen, nachdem die vielen Preissenkungen und Billigfleischaktionen der letzten Monate ihre Glaubwürdigkeit ohnehin bereits stark unterminiert haben.

Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik lobte in seinem Gutachten: „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ vom März 2015 zwar die Initiative Tierwohl als vielversprechendes Modell, forderte aber genau wie PROVIEH eine dringende Aufstockung der Finanzmittel.

Tierwohl in Ställen ist nun mal nicht zum Nulltarif zu haben, und die Verbraucher müssen an den höheren Kosten für mehr Tierwohl beteiligt werden.

Alle noch nicht teilnehmenden Lebensmittelhändler wie METRO, GLOBUS, COOP, Famila, Norma und CITTI sowie weitere große Unternehmen der Branche (K u. K zum Beispiel aus dem Kreis Borken) mit erheblichen Schweinefleischumsätzen wie McDonald’s und Burger King müssen der Initiative Tierwohl sofort beitreten und in den Tierwohlfonds einzahlen. Aber selbst wenn sie alle mitmachen, wird das Geld noch immer nicht für alle angemeldeten Betriebe reichen. Deshalb muss auch der Beitrag aller Träger von vier auf ca. acht Cent pro Kilogramm Schweinefleisch verdoppelt werden. Dann wäre der Beitrag für den ITW-Fonds noch immer sehr gering, und die Verbraucher würden den Mehrpreis beim Kauf der Ware kaum spüren – aber allen angemeldeten Bauern könnte die Teilnahme an der ITW gesichert werden. Das wäre nur fair!

Fazit

Die Schweinehalter haben gezeigt, dass sie erheblich mehr Tierwohl in ihren Ställen umsetzen wollen, als die Branche bisher zu finanzieren bereit ist. Jetzt müssen die Unternehmen beweisen, dass es ihnen wirklich ernst ist mit dem Tierwohl, und deshalb müssen sie gemeinsam das nötige Geld aufbringen. Sie sollten deutsche Herkunft bevorzugen und eine umfassende Herkunftskennzeichnung auch für Wurst und andere Verarbeitungswaren einführen. Nur so werden die Verbraucher den gerechten Preis für die höheren Tierwohlstandards anerkennen und bezahlen.

Andernfalls kann das System auf Dauer nicht funktionieren. Die heimischen Bauern würden sonst durch die höheren Tierwohlanforderungen in unserem Land ruiniert. Die über 3,2 Millionen Tonnen Schweinefleisch, die die Deutschen jedes Jahr verzehren, werden jetzt schon zunehmend aus billigen Erzeugerländern mit schlechteren Haltungsbedingungen und Kontrollen importiert. Damit ist niemandem gedient, nicht den Bauern, nicht den Erzeugern, nicht den Verbrauchern, und am wenigsten den Tieren!

Was tun?

PROVIEH hat die Top 100 Unternehmen der Lebensmittelbranche und des Handels zur Nachfinanzierung des Tierwohl-Fonds aufgefordert. Falls dies nicht geschieht, plant man bereits gezielte Aktionen – analog zur Kampagne zur Abschaffung der Ferkelkastration. Parallel dazu setzt sich PROVIEH im dafür zuständigen Beratungsausschuss der Initiative Tierwohl vehement für die notwendige inhaltliche Weiterentwicklung der ITW ein, damit sie für noch mehr substantielle Verbesserungen des Tierwohls in den Ställen sorgen kann. Dabei gilt: Geiz ist nicht geil, schon gar nicht auf Kosten des Tierwohls!

Weitere Informationen zum gleichen Thema

Trotz der Bemühungen von PROVIEH wurde bei der letzten EU-Agrarreform 2013 das schwammige EU-Subventionskriterium „Förderung der Wettbewerbsfähigkeit“ nicht aus der sogenannten „2 Säule“ gestrichen. In den Ländern wie Spanien wird massiv der Bau von Tierfabriken zur Billigproduktion für den Export subventioniert. Tierwohl? Fehlanzeige. Einhaltung gesetzlicher Standards wie des Kupierverbots für Ringelschwänze? Keinerlei Anstalten. Einige deutsche Supermarktketten und Fleischverarbeiter importieren das billige Fleisch nun pünktlich zur Grillsaison in rauen Mengen und drücken damit die Preise in Deutschland so tief, dass die Bauern hierzulande keine kostendeckenden Erlöse erzielen können. So wird die Initiative Tierwohl unterlaufen, die Glaubwürdigkeit der Branche verspielt. Dann muss man sich auch nicht wundern, wenn Tier-, Umwelt- und Naturschützer der freiwilligen Selbstverpflichtung dieser Branche nicht mehr glauben mögen, und weiterreichende gesetzlich kontrollierbare Standards einfordern.

Wenn der mündige Verbraucher der heimischen Landwirtschaft und den Nutztieren helfen möchte, dann sollte er jetzt die Unternehmen, die bei der ITW nicht mitmachen, bei seinen Einkäufen nicht berücksichtigen und boykottieren.

Ein Beitrag von
Sabine Ohm, Mitarbeiterin bei PROVIEH
und
Herbert Moritz, Mitglied bei PROVIEH
zuständig für den Kreis Borken

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