Die Stadt Rhede bemüht sich redlich, die Notwendigkeit für Einsparungen und die Verbesserung der Lebensqualität miteinander zu verbinden, indem sie die Mahd von Wegrändern auf nur noch einmal im Jahr reduziert. Das ist sinnvoll und lobenswert.

20130905_081714_Wegrand_Aa-Paettken-Rhede

Die richtige Mahd von Wegrändern ist schon eine Wissenschaft für sich. Nicht der gesamte Randstreifen muß gemäht werden, auch nicht zur Erreichung von Verkehrssicherheit, wie es die Landwirte in ihrer Argumentation vorschieben. Nur ein schmaler Streifen beiderseits der Straße ist dafür erforderlich, auf keinen Fall weiter als einen Meter von der Asphaltkante. Natürlich tun hohe Maisfelder ihr übriges, um Kreuzungen und Einmündungen an Wirtschaftswegen unübersichtlich zu machen und so die Verkehrssicherheit zu gefährden, aber da möchten die Landwirte natürlich nicht ansetzen, das ginge ja ins Geld, und wo wirtschaftliches Interesse bedroht gesehen wird, da wird gerne mal mit zweierlei Maß gemessen.

Alle weiteren Flächen können sich, auch im Rahmen der Verkehrssicherheit, frei entfalten, wenn es denn von den Menschen zugelassen wird. Wegränder gehören zu den letzten verbliebenen nicht intensiv genutzten Strukturelementen unserer Landschaft und sind somit auch die letzten Refugien für viele Tier- und Pflanzenarten, die überall anders durch massive Düngung und Gifte verdrängt wurden.

Wenn ein (Rad-)Wanderer über einen Wirtschaftsweg fährt und links und rechts meterhohe Maisfelder sieht, dann ist dies ein trister, trostloser Anblick. Stehen aber zwischen Straße und Feld Wildblumen, zu jeder Jahreszeit in anderen Formen und Farben, dann wird diese Strecke zu einem echten Erlebnis.

Schmetterlinge, Bienen, Hummmeln, in Gewässernähe auch Libellen, das sind nur einige wenige der Tierarten, denen wir an einem ökologisch sinnvoll bewirtschafteten Wegrand einen Lebensraum bieten und an denen wir uns erfreuen können. Sie wiederum bedingen Singvögel, die ohne dieses Nahrungsangebot längst komplett aus unserer Landschaft verschwunden wären, und auch auf Wildblütenhonig möchten wohl die wenigsten Menschen verzichten müssen. Auch Hasen und Kaninchen ernähren sich viel lieber (und gesünder) von Kräutern am Wegrand und nicht, wie viele meinen, vom auf Hochleistung gezüchteten Gras auf intensiv bewirtschafteten Wiesen.

Dies alles (und es gibt noch viele andere Lebewesen, die von Wegrändern abhängig geworden sind) unterstreicht, daß Naturschutz kein Selbstzweck ist. Wenn wir eine für uns lebenswerte Umwelt erhalten möchten, dann dürfen nicht allein privatwirtschaftliche Interessen den Ausschlag bei der Planung geben.

Margeriten-am_Wegrand_Rhede

„Die Landwirte (und auch die übrigen Bürger) könnten nicht erwarten, dass sie alles so machen dürften, wie sie es wollten, wenn sie der Stadt eine Leistung anböten, sei es nun die Mahd oder zum Beispiel Baumpflege. Es brauche bestimmte Richtlinien, an die sich alle halten müssen“, paraphrasiert das BBV Christoph Terwiel von der Stadtverwaltung in Rhede. Genau vor dem Gesichtspunkt muß diese Sachlage gesehen werden. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei Herrn Terwiel bedanken, daß er deutlich klar gestellt hat, daß die Landwirte eben nicht einfach machen dürfen was sie wollen.

Die Angst der Landwirte und das, worum es ihnen wirklich geht, wird hier deutlich: „Außerdem würden von den Ra[n]dstreifen Unkräuter in die Felder getragen, berichtet Wilhelm Garbert (Ortslandwirt für Vardingholt).“

Nachdem auf den Feldern erfolgreich alles totgespritzt wurde, was in nicht direkt zu Geld zu machen ist, befürchten die Landwirte, daß (schockierend!) die Natur wieder an Raum dazu gewinnen könnte. Natürlich ist es für einen Landwirt unerträglich, die eine oder andere Fremdpflanze dort wächst, wo er eine Monokultur errichten möchte.

Mal ganz abgesehen davon, daß Mais ohnehin alles erstickt, was ihm Konkurrenz zu machen versucht, steht dennoch (hoffentlich) bald das Verbot des krebserregenden Universalherbizids Glyphosat an, und die Bauern haben jetzt schon Angst, daß sie kein Gift mehr haben, mit denen sie dem letzten bißchen Natur auch noch den Garaus machen können.

„Sieht doch viel schöner aus, nicht so eintönig.“

Daß es auch anders geht, habe ich dieses Jahr an einigen Getreidefeldern erleben dürfen, bei denen Mohn, Kornblumen und Kamille vor allem am Feldrand zwischen den Ähren wachsen durften. Der in Anholt ansässige Bauer sagte mir auf Nachfrage, „Sieht doch viel schöner aus, nicht so eintönig.“ Dem kann ich nur beipflichten. Der gesamte Wegrand an dieser Stelle war ein einziges Blütenmeer, ich konnte dem Treiben der Insekten stundenlang zuschauen und kam auch mit anderen vorbeifahrenden Radwanderern ins Gespräch. Die Reaktionen, bei Einheimischen wie Touristen, waren durchweg positiv.

Die Landwirte in Rhede haben Angst davor, daß aus ökologischen Maßnahmen irgendwann ein Naturschutzgebiet entstehen könnte. Stattdessen sollten sich landwirtschaftlichen Betriebe Gedanken darüber machen, daß wir gar nicht so viele Naturschutzbetriebe bräuchten, wenn die Landschaft insgesamt strukturreicher, vielgestaltiger und lebendiger wäre.

Opfert nicht alles der kurzfristigen (und kurzsichtigen) Profitgier! Wir Menschen sind bereits die Auslöser für das sechste große Massensterben in unserer Erdgeschichte, und ihr Ausmaß ist bereits jetzt vergleichbar mit dem Asteroideneinschlag, der das Ende der Dinosaurier bedeutete. Wie weit wollen wir noch gehen, bevor wir schlußendlich den Ast abgesägt haben, auf dem wir selbst sitzen?

Sascha Heßeling
für den NABU im Kreis Borken

Artikel teilen

About Author

Static Author Display Name