Bocholt Leserbriefe — 23 Januar 2016

Jüngst war zu lesen, dass die Schmeing-Baugruppe auf dem alten Schwartz-Gelände an der Ecke Aa/Theodor-Heuss-Ring ein Schmuckstück errichten will, genauer: ein großes, zwei- bis viergeschossiges Wohnhaus mit Tiefgarage. (Ich tippe mal darauf, dass man sich ((aus finanziellen Gründen?)) eher am Stil Corbusiers orientieren wird als an dem der formvollendeten Villen beispielsweise an der Adenauerallee). Dafür möchte man gerne die Bäume im bis dahin romantischen Gartenstück fällen, denn, so Stadtplaner Georg Sieverding: „Für die Entwicklung einzelner Bäume ist es nicht vorteilhaft, wenn sie zu dicht stehen.“ Das Haus aus den Fünfzigern kommt also weg, die Bäume auch, ein grüner Randstreifen wird zur Verfügung gestellt! Ist doch toll! Nur der dumme oder sagen wir nervige NABU hat etwas dagegen. Ihm ist das geplante „Flachdach mit Dachbegrünung“ nicht „ökologische Verbesserung“ genug. Die vom NABU glauben doch tatsächlich, dass Bäume für Städte eine wichtige Funktion ausüben und im Wald und Garten stehen können, ohne einander gravierend zu behindern.

Auch mit dem Langenberg-Park hatten sie ja Unrecht gehabt. Wie modern ist der geworden, wie durchsichtig und getaktet! Die ehemals fast wild anmutende „Schönheit“ der alten Bäume ist endlich gebändigt und abgeschafft, weil die Bocholter sich ja immer wie in Tolkiens Düsterwald im Nordosten Mittelerdes wähnten, wenn sie die Pfade zwecks Hundeblasen und -darmentleerung durchschreiten mussten. Und die Schüler atmen auf: endlich keine Bedrohung mehr aus dem Hinterhalt! Was wäre es grässlich gewesen, wenn man sich etwas anderes hätte einfallen lassen, nämlich eine Umwandlung mit, nicht gegen die Baumriesen. Sie hätten uns gefressen. Nein, bloß keine subversive Phantasie! Der Benölkenplatz ist zuverlässig in Asphalt gegossen worden, damit die Kehrmaschine keine Probleme beim Säubern hat und die Schüler in ihren Pausen nicht stolpern und sich verletzen. Der NABU hat damals diese gnadenlose Perfektion einfach nicht erkennen wollen.

Ich bin sowieso schon längst dafür, ihn abzuschaffen, dazu jegliche Umweltschutzgruppe, damit man endlich loslegen kann. Ich schlage zum Beispiel eine konsequentere Kanalisierung und Begradigung der Aa vor samt intensiver Uferbebauung. Weg mit den Enten, den Binsen und Rohrpfeifern! Eine solide Uferbefestigung aus Beton und Klinker muss her! Es geht noch besser. Ich denke da an die berühmten französischen Banlieues. Die Franzosen haben das wirklich mit sicherem Stilempfinden hinbekommen. Sie hatten in den goldenen Zwanzigern schon extraordinäre Pläne: Der Architekt Auguste Perret begeisterte sich für die Errichtung von 250 Hochhaustürmen mit 60 Etagen, die an der Stelle der jetzigen Periférique das Pariser Zentrum hätten umstellen sollen. Le Corbusier gar träumte von der Eliminierung der alten, moderigen Gebäude zwischen Montmartre und Marais und der Konstruktion 18 gigantischer Betonbürohochhäuser in Kreuzform. Wie schade, dass die beiden Zerstörer sich nicht durchgesetzt haben und wir jetzt immer wieder neu mit dieser ekelhaft schönen Architektur vergangener „Glanzzeiten“ konfrontiert sind. Aber das können wir in Bocholt ja noch richten. So wie früher, nach dem Krieg. Da dürfte man ja hier auch endlich die Schneisen durch die alten großen Gärten mit Baumbestand schlagen, um den Verkehr flüssiger zu machen.

Viele Städte waren übrigens nicht so komplett zerstört, dass die schmucken, stuckverzierten Häuser hätten gesprengt werden müssen. Man wollte (verständlicherweise) ein Zeichen setzen und den Mief der überkommenen Gesellschaftsform loswerden. Deshalb ist bekannt, dass die meisten Zerstörungen samt horrender Bausünden und Fehlentscheidungen nach dem Krieg stattfanden. In der einst geheimnisvoll mittelalterlichen Frankfurter Altstadt zum Beispiel verrotteten die stilvollen Überreste jahrelang vor sich hin, bis man sich entschied, fünf Altstadthäuser dem Gigant „Technisches Rathaus“ im „brutalistischen“ Baustil zu opfern. Man könnte meinen, diese Stilbezeichnung sei kritisch, sie geht aber auf den Begriff des schwedischen Architekten Hans Asplund zurück, der den rohen Sichtbeton „béton brut“ nannte. Man kann im Internet dazu den schönen Satz lesen: „Die Blütezeit des Brutalismus lag in den 1960ger Jahren.“

Der Rest der Vergangenheit von Frankfurts historischem Zentrum wurde zugunsten eines besseren Verkehrsflusses in großen Teilen eingeebnet. Aufmerksame Bürger hatten indes wertvolle Artefakte in ihren Kellern oder Gärten in Sicherheit gebracht und wurden in den letzten Jahren gebeten, diese zur Unterstützung der Rekonstruktion der Altstadt um den Römer herum zur Verfügung zu stellen. Rekonstruieren geht also, nur Neues schaffen scheint problematisch zu sein. Stararchitekten beklagen eine grassierende Phantasielosigkeit und Angst vor Unkonventionellem (plus Geldmangel) bei den Planern moderner Nutzbauten. Lücken werden nicht nur geschlossen, sondern „zugeklatscht“, leere Grundstücke als Sockel für mehrstöckige Schuhkartons missbraucht. An der Schanze in Bocholt kann man das demnächst auch beobachten. Da wird eine massive Schachtel hingesetzt, die sich an der Eleganz des daneben hinge(t)rotzten Seniorenknastes orientiert. Vorbei ist das Schunkeln am Schumacher-Stand. Jetzt wird Beton gegossen. Man schaue sich das Corbusier-Kloster Sainte-Marie de la Tourette an, dann weiß man, was uns an Brutalismus auch heute noch so alles „blühen“ kann.

Mit einem herzlichen Gruß,
Bettina Oehmen

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