Allgemein Bocholt Leserbriefe Presse — 02 Februar 2016

Das Kubaai-Projekt wird immer wieder in einem Atemzug mit der ökologischen Aufwertung der Aa genannt. Die Bocholter Aa war ursprünglich ein Fluss, der sich durch eine Auelandschaft schlängelte. Erst durch anthropogene Einflüsse hat der Fluss immer mehr von seiner Natürlichkeit verloren. Von daher ist es sicherlich begrüßenswert, dass es nun Renaturierungsmaßnahmen geben soll. Doch ist das hochambitionierte Kubaai-Projekt hier nicht ein vorgeschobener Grund? Es ist sehr bedauerlich, dass vor einer Renaturierungsmaßnahme erst Leben zerstört werden muss. In dem Bereich, in dem ab Montag die Kettensägen kreischen und sich durch die Stämme der Bäume fressen, an denen sich täglich hunderte Menschen beim Spaziergang oder während des Fahrradfahrens erfreuten und in denen zahllose kleinere Tiere wie Singvögel Verstecke, Nistmöglichkeiten und Nahrung fanden, stehen einige bemerkenswerte, teils mehrstämmige Bäume, die nun bald fehlen werden. Hätte man die Bäume nicht in das Renaturierungsprogramm integrieren können? 45 Bäume weniger in einer Stadt, die sich Klimakommune nennt!

Das Fällen von Bäumen sollte meines Erachtens ohnehin viel kritischer betrachtet werden. Noch viel zu leicht stimmt der Umweltausschuss Baumfällungen zu. Wo stehen in Bocholt noch richtig alte Baumveteranen? Welche Bäume werden noch Naturmonumente, vor denen in einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten staunend die Urenkel unserer Kinder stehen? Sind wir diesen Generationen nicht etwas schuldig? Ich meine ja! Ganz davon abgesehen handelt es sich bei Bäumen um Lebewesen, die nicht einfach so entfernt werden können, wie man ein altes Haus abreißt. Wer das Buch des Försters Peter Wohlleben „Bäume verstehen“ gelesen hat, weiß, welche bedeutenden Lebewesen Bäume sind.

Sie bieten den auf ihnen lebenden Tieren und Pflanzen ein umfassendes Zuhause. Wir Menschen profitieren von ihrer luftreinigenden Tätigkeit, vom Sauerstoff, vom Schatten und von ihrer beruhigenden Wirkung.

Am Samstag stand in derselben Ausgabe des BBV, wie schlecht es um die Luftqualität in Deutschland bestellt ist. Doch die Klimakommune Bocholt erlaubt sich trotz allem das Fällen von 45 Bäumen zur Aufwertung der Bocholter Aa! In Berlin hat man die Bedeutung von Stadtbäumen erkannt. Zweidrittel der einst 400.000 Bäume überstanden den zweiten Weltkrieg nicht. Die fehlenden Bäume hat man durch Neuanpflanzung „ersetzt“ und weitere 28.000 zusätzlich gepflanzt.

Zur Aufwertung der Bocholter Aa gehört es primär, dass nicht weiterhin ihre Zuläufe mit Abwässern aus der industrialisierten Landwirtschaft verseucht werden. Darüber hinaus müssten die Durchlässe an den Wasserschnecken weitaus fischfreundlicher gestaltet werden. Und nicht zu vergessen sei in diesem Zusammenhang, dass an weiteren Stellen die Bocholter Aa noch immer durch Spundwände in ein unnatürlich enges Korsett gezwängt wird.

Kurz und knapp: Baumfällungen zur ökologischen Aufwertung sind eindeutig abzulehnen! Die Stadt sollte stattdessen Flächen für Baumpflanzung zur Verfügung stellen, die dort dauerhaft stehen bleiben können. Übrigens, der Langenbergpark hat als einstiges Arboretum auch einige uralte Bäume beherbergt, doch auch davon hat man für die „Aufwertung“ dieses altehrwürdigen Parks im letzten Jahr einige gefällt (getötet!).

Michael Kempkes,
Bocholt

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